Boris Becker artist photographer


Die Bilder waren schon da / ein Essay von Boris Becker

Sehen und denken, erinnern und fühlen wir in Serien? Können wir die uns umgebenden Dinge, unsere Empfindungen und Ahnungen, unsere Ängste und Zweifel nur in Reihungen, in Strecken, in Typologien erfassen? Ist es so, daß ein einzelnes Bild zu flatterhaft wirkt, keine Berechtigung vorweisen und vielleicht in unserer allgemeinen Unsicherheit keinen Bestand erzeugen kann? Ist das singuläre Bild, allein dadurch, daß es tagtäglich massenhaft auftaucht und wieder verschwindet, nur für Bruchteile von Sekunden präsent und dann wieder untergegangen und verschwunden im Sog ?
Erklärt sich unsere Welt einfacher dadurch, daß wir Dinge immer in Variationen sehen, untersuchen und erkennen wollen?
Oder sind es nicht in unseren Gedanken, in unseren Träumen und Erinnerungen einzelne Bilder, oder vage umrissene Vorstellungen, die uns über die Jahre begleitet und geprägt haben und die vielleicht immer wieder in unser Bewußtsein dringen und dort Assoziationen mit neuen Erfahrungen hervorrufen?

Erinnerungsbild einer Trennung: Die Eltern stehen vor gepackten Koffern, die Bücherkisten stehen im Flur, letzte Worte werden gewechselt.
Ein anderes Bild: Ein kleiner Junge zieht langsam ein abgeschrammeltes rotes Plastikboot an einem Bindfaden durch das herbstliche Laub eines Parks.
Derselbe Junge auf den dunklen Treppen einer alten Schule. Durch das Tor zum Schulhof kommt ein Mädchen, erkennt den Jungen, ruft seinen Namen und läuft lachend auf ihn zu.
Kiefernwälder unter blauem Himmel im Sommer, Bagger.
Wo finden wir diese bruchstückhaften Bilder unserer Erinnerung heute wieder, wie korrespondieren sie mit unseren aktuellen Erfahrungen, Träumen und Wünschen? Wir kommen sicher nicht an die gleichen Orte zurück oder erleben vergleichbare Situationen ein zweites Mal. Aber oft sind es die kaum wahrnehmbaren Überschneidungen mit aktuellen Eindrücken, die uns aufmerken lassen, die Parallelen einer visuellen Erfahrung, und diese treffen mit unseren verborgenen Bildern zusammen, finden sich ohne äußerlich erkennbaren Zusammenhang. Versuchen wir doch oft diese neuen Bilder, diese neuen Eindrücke zu fixieren, indem wir sie fotografieren und filmen, nur; die meisten wichtigen Bilder halten sich im Kopf, ausschließlich in unserem Bewußtsein fest, in einer Erinnerung, die im Lauf der Jahre wiederum mit neuen Bilder, die ein für uns wichtiges Ereignis begleiten, reagieren. Unsere visuelle Existenz ein endloser Strom mit immer neu hinzugewonnenen Bildern, Filmen und Eindrücken.

Gibt es aber eine wie auch immer definierte Berechtigung, aus diesem Bilder- und Gedankenstrom heraus neue Bilder zu produzieren und sie an eine Wand hängen oder in einem Buch abdrucken? Nur aus einer vagen Erinnerung oder einem sentimentalem Gefühl heraus ein Bild zu machen von einer Halle, einem abgewrackten Schiff, einem kitschigen Bild, das mit gelöstem Kokain gemalt wurde, erscheint für sich alleine zunächst nicht zu einem autonomen Bild zu führen, das an und für sich stehen muss, das eine eigene Existenz vorzuweisen hat.
Niemand der diese Bilder betrachtet, weiß von den Empfindungen des Fotografen bei der Aufnahme, kennt die Gefühle oder Überlegungen, die zu diesem einen Bild geführt haben.Wenn ein Bild zu einem autonomen Bild werden soll, gelten ganz eigene Gesetze, löst sich das Bild von den unmittelbar bei der Entstehung des Bildes wahrgenommenen Empfindungen. Gesetze, ob ein Bild als Bild funktioniert, ob seine einzelnen Bildelemente eine richtige Aufteilung auf der Fläche erfahren haben, ob seine Farben in einem ausgewogenen, oder wenn man eben so will in einem unausgewogenen Zusammenhang stehen, ob die bildnerische Idee eine entsprechende Umsetzung erfahren hat und ob es in den Kontext einer Bildsprache eines Autors oder einer Autorin passt.
Allerdings sicher alles zuvorderst kunsthandwerkliche Fragen, die einerseits schnell langweilen und die ein wenig von dem ablenken sollen, was eigentlich jemanden dazu führen könnte, dieses oder jenes Motiv fotografisch festzuhalten, zu filmen, zu malen oder am Computer neu zu entwerfen, den ursprünglichen Anlass, der ja auch nicht in jedem einzelnen Werk hervorspringt und immer fassbar wird, der nur eine Ahnung hinterlassen kann und soll, warum es zu dieser oder jener Arbeit gekommen ist.Und es gibt wirklich keinen ersichtlichen Grund, irgendeine wie auch immer formulierte Existenzberechtigung für ein künstlerisches Werk vorweisen zu müssen, eigentlich ist sogar das Bildmotiv als sozusagen bildtragendes Element zweitrangig.
Es ist mehr die Frage nach dem Umgang mit den Motiven, die sich tagtäglich anbieten, sich manchmal geradezu aufdrängen und dabei in ihrer Aufdringlichkeit immer uninteressanter werden.
Finden sich nicht oft die Bilder, die man aufnimmt, die man zeichnet oder malt, scheinbar wie von selbst und zwar nicht in dem Sinn, daß es aus einem reinen Zufall (obwohl der nicht auszuschließen ist) heraus zu diesem Bildfindungsprozess kommt, sondern aus einer Art unterbewusstem Bildfundus, der ein intuitives Signal zu solch einem Prozess ausgibt.
Ein Bildfundus, gespeist von dem beschriebenen Bilderstrom, ein Bildfundus, der ständig individuellen Veränderungen unterworfen ist und ein künstlerisches Werk im Ansatz als eine Art latente Imagination bereit hält.

Wir kennen die Erfahrung, daß Fotografien, Bilder oder Objekte scheinbar nur darauf gewartet haben fotografiert, gemalt oder geformt zu werden und oft sieht oder erkennt man an diesen Werken ihre selbstverständliche Existenz.
Diese selbstverständliche Existenz trifft dann auch auf jedes authentische Werk in seiner singulären Erscheinung als sicher hoffnungslose Äußerung oder Ausdruck einer individuellen Person zu, nur der eigentliche Zusammenhang ergibt sich dann eben nicht zwangsläufig aus einer klar definierten Motivreihe oder Serie, sondern aus einem weiter gespannten individuellen künstlerischen Ansatz, der sein Vokabular aus einem nicht immer vordergründig zu interpretierendem Gesamtkomplex schöpft.
Und vielleicht ist es ja die immer währende Suche nach den gepackten Koffern, dem roten Plastikboot, dem lachenden Mädchen oder den Kiefern unter dem blauen Sommerhimmel.

Boris Becker, 2006


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